Ich geriet an die Bilder von Breughel. Meine Bekanntschaft mit ihnen begann nicht dort, wo die eigentlichen Herrlichkeiten hängen, im Kunsthistorischen Museum. Zwischen Vorlesungen in Physikalischen und Chemischen Institut fand ich Zeit für einen kurzen Besuch im Liechtenstein-Palais. Von der Boltzmanngasse ging es in raschen Sprüngen die Strudlhofstiege hinunter und schon war ich in der wunderbaren Galerie, die heute nicht mehr besteht, da sah ich meine ersten Breughels. Es kümmert mich wenig, daß es Kopien waren den Unerschütterlichen, den Sinne und Nervenlosen möchte ich sehen, der sich mit diesen Bildern plötzlich konfrontiert, die Frage stellt: Kopien oder Originale? Für mich hätten sie Kopien von Kopien von Kopien sein können, es hätte mich wenig geschert, denn es waren die Sechs Blinden und der Triumf des Todes. Alle Blinden, die ich später sah, entstammen dem ersten dieser Bilder.
Der Gedanke an Blindheit hatte mich verfolgt, seit ich in früher Kindheit an den Masern erkrante und dabei während einiger Tage das Augenblicht verlor. Jetzt waren sechs Blinde in einer schiefen Reihe da, die einander an Stöcken oder bein der Schulter hielten. Der erste von ihnen, der sie anführte, lag schon im Wassergraben, der zweite, der daran war, ihm nachzustürzen, wandte dem Beschauer sein volles Gesicht zu: die leeren Augenhöhlen und den schreckensoffenen Mund mit den bleckenden Zähnen. Zwischen ihm und dem dritten war der größte Abstand dieses Bildes, noch hielten beide den Stock fest, der sie verband, aber der dritte hatte einen Ruck, eine unsichere Bewengung verspürt und stellte sich leicht zögernd auf die Fußspitzen, sein Gesicht, das man im Profil sieht nur das eine blinde Auge, verrät nicht Angst, aber den Ansatz einer Frage, während hinter ihm der vierte noch voller Vertrauen die Hand auf seiner Schulter liegen hat und das Gesicht zum Himmel hinauf gerichtet. Sein Mund is weit offen, als erwarte er darin von oben etwas zu empfangen, das den Augen versagt ist. Den langen Stock in der Rechten hat er für sich allein, ohne sich auf ihn zu stützen. Das ist der Gläubigste der Sechs, zuversichtlich bis in Rot seiner Strümpfe, die beiden letzten hinter ihm gehen ergeben seinen Weg, jeder der Trabant des Vordermanns. Auch ihr Mund is offen, aber weniger, sie sind am weitesten vom Wassergraben weg und erwarten und befürchten nichts und haben keine Frage. Wenn es nicht so sehr um die blinden Augen gingen, wäre einiges über die Finger der Sechs zu sagen, sie greifen und berühren anders als die von Sehenden; und ihre Füße tasten den Boden anders. Dieses eine Bild hätte für eine Galerie gereicht, aber dann fand ich mich unerwartet - ich fühle noch heute den Schock - vor dem Triumf des Todes. Hunderte von Toten, in Form von Skeletten, sehr aktive Skelette, sind damit beschäftigt, ebensoviele Lebende zu sich hinüberzuziehen. Es sind Figuren jeder Art, sei es in Massen, seien es Einzelne, nach ihrem Stand erkennbar, in ungeheurer Anstrengung, ihre Energie übertrifft um ein Mehrfaches die der Lebenden, denen sie sich zugewandt haben. Man weiß auch, daß es ihnen gelingen wird, doch ist es noch nicht gelungen. Man steht auf der Seite der Lebenden, deren Abwehr man stärken möchte, aber es verwirrt einen, daß die Toten lebendiger erscheinen als sie. Die Vitalität der Toten, wenn man es so nennen will, hat einen einzigen Sinn, nämlich den, die Lebenden zu sich herüberzuholen. Sie zerstreuen sich nicht, unternehmen nicht dies oder jenes, es gibt nur das eine und einzige, das sie wollen, während die Lebenden auf vielfache Wiese an ihrem Dasein hängen. Beflissen ist jeder, keiner ergibt sich, einen Lebensmüden habe ich auf diesem Bild nicht gefunden, man muß jedem entreiß, wozu er sich freiwillig nicht versteht. Die Energie dieser Abwehr, hundertfach abgewandelt, ist auf mich übergegangen und mir war seither oft zumute, als wäre ich alle diese Leute zusammen, die dem Tod widerstehen. Ich begriff, daß es um Masse geht, auf beiden Seiten, und sosehr der Einselne seinen Tod allein fühlt, für jeden anderen Einselnen gilt dasselbe und darum soll man an sie zusammen denken. |
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